
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist die Stabilität des Generationenvertrags in der Schweiz nicht allein von der AHV-Finanzierung abhängig.
- Er beruht auf massiven, aber oft unsichtbaren Solidaritätsleistungen wie der unbezahlten Kinderbetreuung durch Grosseltern und privaten Finanztransfers.
- Das Abstimmungsverhalten zeigt, dass die Interessen nicht immer entlang starrer Generationsgrenzen verlaufen, was die Annahme eines reinen Konflikts widerlegt.
Empfehlung: Eine zukunftsfähige Debatte erfordert eine ganzheitliche Generationenbilanz, die diese verborgenen Ströme der Solidarität anerkennt und in die politische Gleichung miteinbezieht.
Die Debatte um die Zukunft der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) dominiert die politischen Schlagzeilen in der Schweiz. Steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten scheinen eine einfache Gleichung zu ergeben: Immer weniger Erwerbstätige finanzieren immer mehr Rentner. Diese rein demografische und finanzielle Sichtweise suggeriert, der Generationenvertrag – jener ungeschriebene Pakt, wonach die aktive Generation die Renten der älteren finanziert – stehe kurz vor dem Kollaps. Doch diese Perspektive ist gefährlich verkürzt. Sie ignoriert ein komplexes sozioökonomisches Geflecht aus gegenseitiger Unterstützung, das weit über das Umlageverfahren der AHV hinausgeht.
Die wahre Belastbarkeit des Generationenvertrags offenbart sich erst, wenn man die verborgenen Ströme der Solidarität sichtbar macht. Dazu gehören private finanzielle Zuwendungen wie Erbvorbezüge, aber auch unbezahlte Arbeit von unschätzbarem volkswirtschaftlichem Wert, allen voran die Betreuung von Enkelkindern. Der Vertrag ist kein reiner Finanzpakt, sondern ein dynamisches System aus Geben und Nehmen, das tief in den Familienstrukturen und gesellschaftlichen Normen der Schweiz verankert ist. Die Fokussierung auf die reine AHV-Buchhaltung zeichnet ein Zerrbild eines angeblichen Konflikts zwischen „Jung“ und „Alt“.
Dieser Artikel wagt daher einen Perspektivwechsel. Anstatt die bekannten Gräben zu vertiefen, analysieren wir die verschiedenen Dimensionen des Generationenvertrags in der Schweiz. Wir beleuchten, wie finanzielle Unterstützung fliesst, welchen Wert unbezahlte Betreuungsarbeit hat, wie die Generationen tatsächlich abstimmen und was die jüngste Vergangenheit uns über den wahren Zustand des Zusammenhalts gelehrt hat. Ziel ist es, eine fundierte und differenzierte Grundlage für eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit zu schaffen.
Der folgende Beitrag analysiert die vielschichtigen Aspekte des Generationenvertrags, um ein umfassenderes Bild der Solidarität zwischen den Generationen in der Schweiz zu zeichnen. Entdecken Sie die verborgenen Mechanismen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.
Inhaltsübersicht: Die Facetten des Schweizer Generationenvertrags
- Erbvorbezug oder Darlehen: Wie unterstützen Grosseltern die Enkel heute finanziell?
- Warum wird die Betreuung der Enkelkinder volkswirtschaftlich oft unterschätzt?
- Stimmen die „Alten“ wirklich immer gegen die Interessen der „Jungen“?
- Was haben wir aus der Pandemie über den Zusammenhalt gelernt?
- Müssen wir länger arbeiten, um die Solidarität mit der Jugend zu wahren?
- AHV-Rente vorbeziehen oder aufschieben: Was lohnt sich für Ihre Lebenserwartung?
- Wie lösen Sie Konflikte mit erwachsenen Kindern über Erbe und Pflege?
- Die unsichtbare Währung: Warum private Transfers den Generationenvertrag stärken
Erbvorbezug oder Darlehen: Wie unterstützen Grosseltern die Enkel heute finanziell?
Neben dem staatlich organisierten Umlageverfahren der AHV existiert ein bedeutender, privater Strom finanzieller Solidarität: direkte Zuwendungen von älteren an jüngere Generationen. Insbesondere Grosseltern spielen eine zentrale Rolle bei der finanziellen Starthilfe für ihre Enkel. Angesichts hoher Immobilienpreise und Ausbildungskosten sind solche Transfers oft entscheidend. Die zwei häufigsten Formen sind der Erbvorbezug und das Darlehen. Ein Erbvorbezug ist eine Schenkung zu Lebzeiten, die später im Erbfall gegenüber anderen Erben ausgeglichen werden muss. Ein Darlehen hingegen ist ein rückzahlungspflichtiger Kredit, oft zu vorteilhaften, familiären Konditionen.
Die Entscheidung zwischen diesen Optionen hat weitreichende rechtliche und familiäre Konsequenzen. Während ein Darlehen klare Verhältnisse schafft, kann ein Erbvorbezug als grosszügigere Geste wahrgenommen werden, birgt aber auch mehr Konfliktpotenzial bei der späteren Erbteilung. Diese Form der Unterstützung ist ein Paradebeispiel für die „verborgenen Ströme der Solidarität“, die in der öffentlichen Debatte über den Generationenvertrag kaum Beachtung finden. Sie entlasten die jüngere Generation erheblich und ermöglichen Investitionen, die ohne diese familiäre Stütze unmöglich wären.

Diese privaten Finanzflüsse sind ein integraler Bestandteil des sozioökonomischen Geflechts, das die Generationen verbindet. Sie kompensieren zum Teil die Lasten, die junge Menschen durch ihre Beiträge an die Sozialversicherungen tragen. Eine ganzheitliche Generationenbilanz muss diese Transfers berücksichtigen, um ein faires Bild der gegenseitigen Unterstützung zu zeichnen. Sie zeigen, dass Solidarität keine Einbahnstrasse von Jung nach Alt ist, sondern in vielfältigen Formen in beide Richtungen fliesst.
Warum wird die Betreuung der Enkelkinder volkswirtschaftlich oft unterschätzt?
Eine der grössten, aber am wenigsten gewürdigten Säulen des Generationenvertrags ist die unbezahlte Betreuungsarbeit durch Grosseltern. Diese Leistung entlastet nicht nur die Eltern (insbesondere die Mütter) und ermöglicht ihnen eine höhere Erwerbstätigkeit, sondern hat auch einen immensen volkswirtschaftlichen Wert. Eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Statistik bezifferte den fiktiven Geldwert dieser unbezahlten Arbeit auf rund 8 Milliarden Franken pro Jahr, basierend auf 160 Millionen geleisteten Stunden allein im Jahr 2020. Diese Zahl verdeutlicht, dass die ältere Generation weit mehr in das System einbringt als nur ihre früheren AHV-Beiträge.
Die Relevanz dieser informellen Betreuung ist enorm: Gemäss einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik werden in der Schweiz fast 33% der Kinder unter 13 Jahren regelmässig von ihren Grosseltern betreut. Diese Form der Unterstützung ist tief in der Schweizer Kultur verankert, variiert jedoch regional stark. Sie ist vor allem dort eine tragende Säule, wo formelle Betreuungsangebote knapper oder teurer sind.
Die folgende Tabelle zeigt die Unterschiede in der Nutzung von Betreuungsformen zwischen städtischen und ländlichen Gebieten und unterstreicht die besondere Rolle der Grosseltern ausserhalb der grossen Zentren.
| Betreuungsform | Grossstädte | Ländliche Gebiete |
|---|---|---|
| Grosseltern | 26% | 47% |
| Tagesfamilien | 6% | 12% |
| Institutionelle Betreuung | 48% | 24% |
Diese Zahlen belegen eindrücklich: Ohne den massiven, unentgeltlichen Einsatz der Grosseltern wäre die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Eltern deutlich schwieriger und die Kosten für die Volkswirtschaft erheblich höher. Die Ignoranz gegenüber diesem „Betreuungs-Dividende“ in der öffentlichen Diskussion verzerrt die Generationenbilanz und nährt das falsche Narrativ einer einseitig belasteten Jugend.
Stimmen die „Alten“ wirklich immer gegen die Interessen der „Jungen“?
Ein hartnäckiger Vorwurf im Generationendiskurs lautet, die ältere, zahlenmässig überlegene Wählerschaft würde systematisch ihre eigenen Interessen auf Kosten der Jüngeren durchsetzen. Dieses Bild eines egoistischen „Rentner-Blocks“ ist jedoch eine grobe Vereinfachung des Abstimmungsverhaltens in der Schweiz. Analysen zeigen ein weitaus differenzierteres Bild, das von Verantwortungsbewusstsein und unterschiedlichen Wertvorstellungen geprägt ist. Die Annahme, das Alter sei der einzige entscheidende Faktor, greift zu kurz und führt zu einem polarisierenden Abstimmungs-Paradox, bei dem Solidarität oft übersehen wird.
Die Annahme der Initiative für eine 13. AHV-Rente im März 2024 wird oft als Paradebeispiel für diesen angeblichen Generationenkonflikt genannt. Umfragen im Vorfeld zeigten tatsächlich eine höhere Zustimmung bei Personen über 50. Doch die Interpretation als reiner „Sieg der Alten über die Jungen“ ist problematisch. Viele ältere Stimmbürger sehen darin eine längst fällige Anpassung an die gestiegenen Lebenshaltungskosten und eine Stärkung des wichtigsten Sozialwerks, von dem zukünftige Generationen ebenfalls profitieren werden. Ursula Blaser-Bysäth, Präsidentin der SP60+ Kanton Zürich, formulierte es so:
Der Generationenvertrag ist in keiner Weise geplatzt. Was wir heute erstritten haben, kommt in Zukunft auch den Jungen zugute.
– Ursula Blaser-Bysäth, Präsidentin SP60+ Kanton Zürich
Abstimmungen über Umweltthemen wie das CO2-Gesetz zeigen zudem oft das Gegenteil: Hier stimmen tendenziell jüngere Generationen für strengere Massnahmen, deren Kosten kurzfristig alle treffen. Das Abstimmungsverhalten ist also kein monolithischer Block, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus persönlicher Betroffenheit, politischer Überzeugung und dem Gefühl gesamtgesellschaftlicher Verantwortung.

Die Reduktion der politischen Debatte auf einen reinen Interessenkonflikt zwischen den Generationen ist nicht nur falsch, sondern auch schädlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie verkennt, dass viele ältere Bürger als Eltern und Grosseltern ein ureigenes Interesse an einer stabilen und prosperierenden Zukunft für ihre Nachkommen haben.
Was haben wir aus der Pandemie über den Zusammenhalt gelernt?
Die COVID-19-Pandemie fungierte wie ein gesellschaftliches Stresstest-Szenario für den Generationenvertrag. Plötzlich wurde die gegenseitige Abhängigkeit auf dramatische Weise sichtbar. Einerseits wurden ältere Menschen als besonders vulnerable Gruppe definiert, die des Schutzes durch die Jüngeren bedurfte. Dies führte zu einer Welle der Solidarität, von Einkaufshilfen bis hin zu Kontaktbeschränkungen, die primär von der jüngeren und mittleren Generation getragen wurden. Andererseits offenbarte die Krise die Fragilität des impliziten Vertrags, insbesondere im Bereich der Kinderbetreuung.
Als Grosseltern als Risikogruppe plötzlich ausfielen, brach für viele Familien eine zentrale Stütze weg. Dies verdeutlichte schmerzhaft, wie stark sich die Gesellschaft auf diese informelle und unbezahlte Leistung verlässt. Die Pandemie hat gezeigt, dass der Generationenvertrag nicht nur aus Geld, sondern auch aus Zeit, Nähe und Sorge besteht. Gleichzeitig fühlte sich ein Teil der Jugend als Verlierer der Massnahmen. Die 22-jährige Autorin Valentina Vapaux brachte dieses Gefühl auf den Punkt, als sie sagte, ihre Generation sei die Verliererin des Generationenvertrags in Bezug auf Klimawandel, AHV und Pandemie, und forderte lediglich „dass auch wir eine schöne Zukunft haben auf diesem Planeten“.
Die Krise hat somit mehrere wichtige Lehren für die Zukunft des Generationenzusammenhalts hervorgebracht:
- Anerkennung der Verletzlichkeit: Die Notwendigkeit, ältere Generationen zu schützen, wurde breit akzeptiert.
- Notwendigkeit alternativer Strukturen: Der Ausfall informeller Betreuung muss durch resiliente, institutionelle Angebote kompensiert werden können.
- Digitale Kluft: Die Förderung digitaler Kompetenzen bei Senioren ist entscheidend für soziale Teilhabe in Krisenzeiten.
- Nachhaltige Solidarität: Spontane Hilfsnetzwerke müssen in dauerhafte Strukturen überführt werden, die über Generationengrenzen hinweg funktionieren.
- Grenzen der Belastbarkeit: Der Verlass auf rein familiäre Solidarität ist in systemischen Krisen nicht nachhaltig.
Letztlich hat die Pandemie bewiesen, dass der Generationenvertrag lebendig ist, aber auch, dass seine impliziten Bestandteile gestärkt und durch formelle Strukturen ergänzt werden müssen, um für zukünftige Herausforderungen gewappnet zu sein. Er ist kein statisches Gebilde, sondern muss aktiv gepflegt und angepasst werden.
Müssen wir länger arbeiten, um die Solidarität mit der Jugend zu wahren?
Trotz der wichtigen, oft übersehenen Beiträge der älteren Generation lässt sich die finanzmathematische Realität der AHV nicht ignorieren. Das Umlageverfahren steht unter Druck. Die demografische Entwicklung führt unweigerlich zu einer Finanzierungslücke. Eine Studie der Universität St. Gallen prognostiziert erhebliche Finanzierungslücken, die bis 2030 sowohl in der AHV als auch in der beruflichen Vorsorge ein strukturelles Defizit verursachen werden. Die Solidarität mit der Jugend zu wahren bedeutet in diesem Kontext auch, die finanzielle Last, die auf ihren Schultern liegt, nicht untragbar werden zu lassen.
In diesem Spannungsfeld ist die Erhöhung des Rentenalters eine der am häufigsten diskutierten, aber auch umstrittensten Massnahmen. Befürworter argumentieren, dass eine längere Lebensdauer und eine bessere Gesundheit im Alter eine längere Erwerbstätigkeit nicht nur ermöglichen, sondern auch notwendig machen, um das System zu stabilisieren. Jeder zusätzliche Monat Erwerbstätigkeit bedeutet mehr Beiträge und weniger Rentenbezug, was das System doppelt entlastet. Gegner warnen vor einer sozialen Schieflage, da nicht alle Berufsgruppen gleichermassen in der Lage sind, bis 67 oder länger zu arbeiten. Körperlich anstrengende Berufe oder Branchen mit hoher psychischer Belastung stellen hier besondere Herausforderungen dar.
Die Erhöhung des Rentenalters ist jedoch nur eine von mehreren Stellschrauben. Andere Lösungsansätze umfassen die Erhöhung der Beiträge für Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm argumentierte beispielsweise, dass das Problem mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2,2 Prozentpunkte finanzierbar wäre. Eine solche Lösung würde die Last auf die gesamte Bevölkerung verteilen, anstatt sie primär den Erwerbstätigen aufzubürden. Letztlich wird eine nachhaltige Lösung wohl aus einem Mix verschiedener Massnahmen bestehen müssen, um fair und politisch mehrheitsfähig zu sein. Die Frage ist nicht, ob wir handeln müssen, sondern wie wir die Lasten gerecht verteilen.
AHV-Rente vorbeziehen oder aufschieben: Was lohnt sich für Ihre Lebenserwartung?
Neben den grossen politischen Debatten stellt sich für jede Person individuell die Frage der optimalen Pensionsplanung. Das AHV-System bietet hier eine gewisse Flexibilität: Die Rente kann ein oder zwei Jahre vor Erreichen des ordentlichen Rentenalters vorbezogen oder um bis zu fünf Jahre aufgeschoben werden. Diese Entscheidung hat direkte und lebenslange finanzielle Konsequenzen. Ein Vorbezug führt zu einer Kürzung der monatlichen Rente, während ein Aufschub mit einem Zuschlag belohnt wird. Gemäss den offiziellen Sätzen resultiert jeder vorbezogene Monat in einer lebenslangen Kürzung, die sich aufsummiert. Die offiziellen AHV-Anpassungssätze zeigen eine Kürzung von 6,8% pro Vorbezugsjahr, während ein Aufschub einen Zuschlag von 5,2% pro Jahr bringt.
Die zentrale Frage ist, ab welchem Alter sich ein Aufschub finanziell „lohnt“. Dies hängt direkt von der persönlichen Lebenserwartung ab. Wer lange lebt, profitiert überproportional von der höheren Rente nach einem Aufschub. Wer hingegen früh verstirbt, hätte mit einem Vorbezug über die gesamte Lebenszeit mehr Geld erhalten. Es ist eine Wette auf die eigene Langlebigkeit. Faktoren wie der Gesundheitszustand, die finanzielle Situation vor der Pensionierung und die Frage, ob man weiterarbeiten möchte oder kann, spielen eine entscheidende Rolle. Der Entscheid ist somit nicht nur eine mathematische, sondern auch eine sehr persönliche Abwägung.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die minimalen und maximalen Rentenbeträge sowie die zusätzliche 13. AHV-Rente ab 2026, um die Grössenordnungen dieser Entscheidung zu verdeutlichen.
| Rentenart | Minimalrente | Maximalrente |
|---|---|---|
| Einzelperson | CHF 1’260 | CHF 2’520 |
| Ehepaar (Total) | CHF 1’890 | CHF 3’780 |
| 13. AHV-Rente (ab 2026) | CHF 105/Monat | CHF 210/Monat |
Die Entscheidung über Vorbezug oder Aufschub ist eine der wichtigsten finanziellen Weichenstellungen am Ende des Berufslebens. Eine sorgfältige Analyse der eigenen Situation und gegebenenfalls eine professionelle Beratung sind unerlässlich, um die für die persönliche Lebensplanung richtige Wahl zu treffen.
Wie lösen Sie Konflikte mit erwachsenen Kindern über Erbe und Pflege?
Während finanzielle Zuwendungen und unbezahlte Arbeit die positiven Seiten des Generationenvertrags darstellen, gibt es auch Bereiche mit erheblichem Konfliktpotenzial. Insbesondere die Themen Erbe und Pflege können zu tiefen Gräben zwischen Eltern und erwachsenen Kindern führen. Unklare Absprachen über Erbvorbezüge, das Gefühl der Ungleichbehandlung unter Geschwistern oder die unerwartete finanzielle Belastung durch Pflegekosten sind häufige Auslöser für familiäre Streitigkeiten. Diese Konflikte belasten nicht nur die persönlichen Beziehungen, sondern können auch die wirtschaftliche Stabilität aller Beteiligten gefährden.
Fallbeispiel: Die Verwandtenunterstützungspflicht nach ZGB
Ein oft unterschätztes Risiko ist die gesetzliche Verwandtenunterstützungspflicht. Gemäss Art. 328 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB) können Kinder unter bestimmten Umständen zur finanziellen Unterstützung ihrer Eltern herangezogen werden. Dies wird dann relevant, wenn die Rente und die Ergänzungsleistungen der Eltern nicht ausreichen, um hohe Pflegeheimkosten zu decken. Leben die Kinder selbst in guten finanziellen Verhältnissen, können die Behörden sie zur Kasse bitten. Diese gesetzliche Pflicht kommt für viele überraschend und kann zu erheblichen finanziellen und emotionalen Belastungen führen, besonders wenn die Beziehung bereits angespannt ist.
Proaktive Planung und offene Kommunikation sind die wirksamsten Instrumente zur Konfliktvermeidung. Je klarer die Wünsche und Erwartungen zu Lebzeiten formuliert und rechtlich abgesichert werden, desto geringer ist das Risiko für spätere Auseinandersetzungen. Ein Vorsorgeauftrag und eine Patientenverfügung regeln die persönliche und medizinische Betreuung im Falle einer Urteilsunfähigkeit und entlasten die Kinder von schwierigen Entscheidungen. Transparenz bei finanziellen Zuwendungen an einzelne Kinder ist ebenso entscheidend, um Neid und Missgunst vorzubeugen.
Ihr Aktionsplan zur Konfliktvermeidung bei Erbe und Pflege
- Schriftlichkeit und Transparenz: Halten Sie alle Vereinbarungen, insbesondere bei Darlehen oder Erbvorbezügen, schriftlich in einem Vertrag fest und kommunizieren Sie diese offen an alle beteiligten Familienmitglieder.
- Professionelle Bewertung: Lassen Sie den Marktwert von Immobilien oder anderen grossen Vermögenswerten zum Zeitpunkt der Übertragung von einem unabhängigen Experten schätzen, um spätere Diskussionen über den Wert zu vermeiden.
- Gleichbehandlung und Information: Informieren Sie alle Geschwister gleichzeitig über grössere finanzielle Zuwendungen an ein einzelnes Kind, um das Gefühl der Benachteiligung zu minimieren.
- Vorsorgliche Dokumente erstellen: Erstellen Sie frühzeitig einen Vorsorgeauftrag und eine Patientenverfügung. Definieren Sie klar, wer im Fall der Fälle welche Entscheidungen treffen darf.
- Professionelle Hilfe beiziehen: Zögern Sie nicht, bei komplexen Familienverhältnissen oder bereits bestehenden Spannungen eine professionelle Mediation oder Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen, um eine faire und für alle tragbare Lösung zu finden.
Ein gut geplanter Übergang sichert nicht nur das Vermögen, sondern vor allem den Familienfrieden – den vielleicht wertvollsten Teil des Erbes.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Generationenvertrag ist mehr als die AHV; er umfasst unbezahlte Arbeit und private Transfers.
- Die Betreuung von Enkelkindern durch Grosseltern hat einen volkswirtschaftlichen Wert von rund 8 Milliarden Franken jährlich.
- Das Abstimmungsverhalten ist komplex und nicht auf einen reinen Egoismus der älteren Generation reduzierbar.
Die unsichtbare Währung: Warum private Transfers den Generationenvertrag stärken
Die Diskussion über den Generationenvertrag verengt sich zu oft auf die sichtbaren, staatlich organisierten Pfeiler wie die AHV. Doch wie die vorhergehenden Abschnitte gezeigt haben, ruht der Pakt auf einem viel breiteren Fundament. Die privaten Finanztransfers, sei es als Erbvorbezug für ein Eigenheim oder als Darlehen für die Ausbildung, stellen eine unsichtbare, aber entscheidende Währung im Austausch zwischen den Generationen dar. Sie sind Ausdruck einer familiären Solidarität, die das formelle System ergänzt und oft erst ermöglicht. Ohne diese privaten Finanzspritzen wäre die wirtschaftliche Situation vieler junger Familien in der Schweiz deutlich prekärer.
Eine ganzheitliche Generationenbilanz, die diesen Namen verdient, muss diese verborgenen Ströme anerkennen. Die Reduktion des Vertrags auf einen reinen Verteilungskampf um AHV-Gelder ignoriert die Realität, dass ältere Generationen nicht nur Nehmer, sondern in erheblichem Masse auch Geber sind – von finanziellen Mitteln, von unbezahlter Zeit und von unschätzbarer Lebenserfahrung. Der Generationenvertrag bröckelt nicht zwangsläufig an der AHV-Finanzierung; er wird vielmehr durch eine Debatte gefährdet, die die Komplexität und die vielfältigen Formen der gegenseitigen Unterstützung leugnet.
Die wahre Herausforderung liegt darin, das Gleichgewicht zwischen dem formellen, staatlichen Vertrag und dem informellen, familiären Pakt zu wahren. Eine nachhaltige Reform der Altersvorsorge muss daher nicht nur die finanzielle Stabilität der AHV sichern, sondern auch die Rahmenbedingungen schaffen, damit diese privaten Solidaritätsleistungen weiterhin fliessen können. Dies stärkt nicht nur die einzelnen Familien, sondern die Resilienz der gesamten Gesellschaft.
Eine faire und zukunftsgerichtete Diskussion über den Generationenvertrag erfordert somit mehr als nur den Blick auf die Defizite der AHV. Es ist an der Zeit, eine umfassende Analyse vorzunehmen, die alle Beiträge würdigt und eine Politik fördert, die den Zusammenhalt zwischen den Generationen als Ganzes stärkt.