
Entgegen der landläufigen Meinung ist der Ruhestand kein Ende, sondern der bewusste Start Ihres dritten Lebensdrehbuchs, in dem Ihr Wert nicht mehr von aussen definiert wird, sondern von innen wächst.
- Ihre Identität verlagert sich von externer Bestätigung (Berufstitel) hin zu interner Wertschätzung (persönliches Vermächtnis).
- Struktur geht nicht verloren, sondern wird durch ein bewusst gestaltetes „Identitäts-Portfolio“ aus neuen Rollen und Leidenschaften neu erschaffen.
Empfehlung: Betrachten Sie Ihre Garderobe nicht mehr als Freizeitkleidung, sondern als „Uniform“ für Ihre neuen, selbst gewählten Missionen – sei es als Mentor, Künstler oder Entdecker.
Der Moment ist Ihnen vertraut. Bei einem gesellschaftlichen Anlass, nach dem Händedruck, fällt die unausweichliche Frage: „Und, was machen Sie beruflich?“ Jahrzehntelang war die Antwort einfach. Sie zückten Ihre Visitenkarte, ein kleines Kärtchen, das Ihre Position, Ihre Kompetenz, Ihren Status in der Welt zusammenfasste. Doch jetzt, im Ruhestand, herrscht eine ungewohnte Stille. Die Visitenkarte ist verschwunden und mit ihr, so scheint es, ein grosser Teil dessen, was Sie ausgemacht hat. Dieses Gefühl der Unsichtbarkeit, des plötzlichen Statusverlusts, ist für viele ehemalige Kaderleute und Fachkräfte in der Schweiz eine schmerzhafte Realität.
Die gängigen Ratschläge sind schnell zur Hand: Man solle reisen, sich Hobbys suchen oder die Zeit mit den Enkeln geniessen. Das sind alles wertvolle Aktivitäten, doch sie greifen oft zu kurz, weil sie die Wurzel des Problems ignorieren: den Verlust einer über Jahrzehnte gefestigten beruflichen Identität. Die Struktur, die Anerkennung und das Gefühl, einen wertvollen Beitrag zu leisten, fallen weg und hinterlassen eine Lücke, die sich nicht einfach mit Freizeit füllen lässt. Der ehemalige Mediensprecher Stephan Müller beschrieb diesen Zustand treffend als das Gefühl, plötzlich ein „Nobody“ zu sein, eine Erfahrung, die viele teilen.
Aber was, wenn die wahre Aufgabe nicht darin besteht, diese Lücke notdürftig zu füllen? Was, wenn es darum geht, die Perspektive radikal zu ändern? Dieser Artikel vertritt die These, dass Ihre Identität nicht an eine Visitenkarte geknüpft ist. Sie ist ein Portfolio, das darauf wartet, neu diversifiziert zu werden. Es geht nicht darum, das Verlorene zu betrauern, sondern darum, Ihr drittes Lebensdrehbuch aktiv zu schreiben und Ihre „innere Visitenkarte“ zu gestalten – ein Mosaik aus Leidenschaft, Weisheit und neuem Sinn. Ihr Wert ist nicht verschwunden, er wartet nur darauf, in neuen Währungen gemessen zu werden: in persönlichem Wachstum, gesellschaftlichem Beitrag und purer Lebensfreude.
In den folgenden Abschnitten werden wir gemeinsam erkunden, wie Sie diesen Übergang nicht als Krise, sondern als grösste Chance Ihres Lebens begreifen. Wir werden konkrete, in der Schweizer Kultur verankerte Strategien betrachten, um Ihren Wert neu zu definieren und eine Identität zu schmieden, die reicher und authentischer ist als jeder Berufstitel es je sein könnte.
Inhaltsverzeichnis: Vom Statusverlust zur Selbstverwirklichung im Ruhestand
- Warum fühlen sich viele Männer nach der Pensionierung „unsichtbar“?
- Warum ist es nie zu spät, ein Instrument oder eine Kunst zu erlernen?
- Jogginghose oder Anzug: Wie beeinflusst die Kleidung Ihre Selbstwahrnehmung daheim?
- Wie schreiben Sie Ihre Memoiren, um Ihr Lebenswerk zu würdigen?
- Falten und graue Haare: Wie lernen Sie, Ihren veränderten Körper zu lieben?
- Der Kampf gegen das Alter: Welche Einstellung führt zu mehr Zufriedenheit?
- Seniorenuniversität Zürich oder Bern: Lohnt sich das Studium für Senioren noch?
- Wellness für die Seele: Wie definieren Sie Wohlbefinden jenseits der Blutdruckwerte?
Warum fühlen sich viele Männer nach der Pensionierung „unsichtbar“?
Für viele Männer, insbesondere aus Führungspositionen, ist die berufliche Identität nicht nur ein Teil des Lebens – sie ist das Fundament, auf dem das Selbstwertgefühl aufgebaut ist. Der Berufstitel, die Verantwortung, die täglichen Herausforderungen und die damit verbundene Anerkennung sind die Eckpfeiler der eigenen Identität. Mit dem letzten Arbeitstag bricht dieses Fundament abrupt weg. Der ehemalige TCS-Mediensprecher Stephan Müller, der nach 23 Jahren im Job in den Ruhestand ging, beschrieb diesen Schock eindrücklich. Trotz Vorbereitungskursen fühlte er sich plötzlich als „Nobody“, ohne Struktur und ohne die gewohnte Bestätigung von aussen. Seine Erfahrung ist exemplarisch für eine ganze Generation von Männern, deren Wertschätzung eng mit ihrer beruflichen Leistung verknüpft war.
Dieses Gefühl der Unsichtbarkeit wird durch den radikalen Wandel im sozialen Gefüge verstärkt. Die Kollegen, die einen als Experten schätzten, sind weg. Die Meetings, in denen die eigene Meinung zählte, finden nicht mehr statt. Der strukturierte Tagesablauf, der Sicherheit gab, löst sich in eine endlose Weite an „freier Zeit“ auf, die sich schnell wie Leere anfühlen kann. In der Schweiz, wo Arbeitsethos und Leistung hochgehalten werden, ist dieser Fall besonders tief. Statistiken zeigen die drastische Veränderung: Während Männer im Haupterwerbsalter meist Vollzeit arbeiten, zeigt sich, dass von den wenigen, die über 65 noch erwerbstätig sind, laut einer Analyse des Bundesamtes für Statistik 86,3% der 65-Jährigen und Älteren Teilzeit arbeiten. Dieser Wechsel von einer zentralen Rolle zu einer Randposition im Erwerbsleben kann das Gefühl, nicht mehr „gebraucht“ zu werden, massiv verstärken.
Die Herausforderung besteht darin, zu erkennen, dass der Wert einer Person nicht mit dem Ende ihrer Karriere endet. Es ist ein Übergang von einer extern definierten Identität zu einer selbst geschaffenen. Es geht darum, die über Jahrzehnte erworbenen Kompetenzen – strategisches Denken, Führung, Problemlösung – aus dem beruflichen Korsett zu befreien und auf neue Felder anzuwenden: im Verein, in der Familie, in einem persönlichen Projekt oder im ehrenamtlichen Engagement. Die Unsichtbarkeit ist kein Fakt, sondern ein Gefühl, das aus dem Festhalten an einer alten Rolle resultiert. Die wahre Aufgabe ist es, mutig in neue Rollen hineinzuwachsen.
Warum ist es nie zu spät, ein Instrument oder eine Kunst zu erlernen?
Die Vorstellung, im Alter noch etwas völlig Neues wie Klavierspielen oder Malen zu beginnen, wird oft mit einem Seufzer abgetan: „Dafür bin ich zu alt.“ Diese Annahme ist jedoch einer der grössten Irrtümer, die uns am persönlichen Wachstum hindern. Die moderne Neurowissenschaft hat eindrücklich bewiesen, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter lernfähig bleibt. Dieses Phänomen nennt sich Neuroplastizität: die Fähigkeit des Gehirns, neue neuronale Verbindungen zu knüpfen und sich neu zu organisieren. Jedes Mal, wenn Sie eine neue Tonleiter üben oder eine neue Maltechnik ausprobieren, fordern Sie Ihr Gehirn heraus, neue Autobahnen des Denkens und Fühlens zu bauen.
Das Erlernen eines Instruments oder einer künstlerischen Fähigkeit ist mehr als nur ein netter Zeitvertreib. Es ist ein tiefgreifender Akt der Selbstdefinition. Es schafft eine neue Identität – die des „Musikers“, des „Malers“, des „Schöpfers“ –, die völlig unabhängig von Ihrer früheren beruflichen Rolle ist. Es ist ein Bereich, in dem Sie wieder Anfänger sein dürfen, in dem der Prozess wichtiger ist als das perfekte Ergebnis und in dem Sie Fortschritte an sich selbst messen, nicht im Vergleich mit anderen. Diese neue Rolle bietet eine Quelle für Stolz und Erfolgserlebnisse, die aus Ihnen selbst kommen und nicht von externer Anerkennung abhängen.
Darüber hinaus hat kreatives Schaffen eine fast meditative Wirkung. Es zwingt Sie, im Hier und Jetzt präsent zu sein. Wenn Ihre Hände über die Klaviertasten gleiten oder der Pinsel über die Leinwand, gibt es keinen Platz für Grübeleien über die Vergangenheit oder Sorgen um die Zukunft. Es ist ein Zustand des „Flows“, der nachweislich Stress reduziert und das emotionale Wohlbefinden steigert. Anstatt die Leere zu spüren, füllen Sie Ihr Leben mit Konzentration, Ausdruck und Schönheit.

Wie das Bild zeigt, ist das Erlernen von Neuem auch eine Brücke zwischen den Generationen. In einer Musikschule oder einem Malkurs treffen Sie auf Menschen jeden Alters, die eine gemeinsame Leidenschaft teilen. Diese neuen sozialen Kreise, die auf gemeinsamen Interessen statt auf beruflichen Hierarchien basieren, sind entscheidend für den Aufbau eines erfüllten sozialen Lebens im Ruhestand. Es geht darum, sich selbst die Erlaubnis zu geben, wieder neugierig zu sein und das unermessliche Potenzial, das in Ihnen schlummert, zu entfesseln.
Jogginghose oder Anzug: Wie beeinflusst die Kleidung Ihre Selbstwahrnehmung daheim?
Nach Jahrzehnten, in denen der Anzug, das Kostüm oder die Uniform den Arbeitsalltag diktierten, scheint die Jogginghose im Ruhestand die ultimative Befreiung zu sein. Doch Vorsicht: Was als Komfort beginnt, kann unbemerkt zu einem Symbol für Strukturlosigkeit und schwindendes Selbstwertgefühl werden. Das psychologische Phänomen der „Enclothed Cognition“ beschreibt, wie die Kleidung, die wir tragen, nicht nur unsere Aussenwirkung, sondern auch unsere eigenen kognitiven Prozesse und unsere Selbstwahrnehmung beeinflusst. Vereinfacht gesagt: Wir fühlen uns so, wie wir uns kleiden. Wenn Sie den ganzen Tag in Kleidung verbringen, die Sie mit Freizeit und Entspannung assoziieren, signalisieren Sie Ihrem Gehirn, dass keine Leistung oder Konzentration erforderlich ist. Dies kann zu Lethargie und einem Gefühl der Belanglosigkeit führen.
Erfolgreiche Pensionäre in der Schweiz berichten oft von der Wichtigkeit, bewusste Kleiderwechsel als Alltagsritual beizubehalten. Es geht nicht darum, den Anzug wieder aus dem Schrank zu holen. Es geht darum, eine „dritte Garderobe“ zu entwickeln – eine Garderobe für Ihr drittes Lebensdrehbuch. Diese Kleidung markiert den Übergang zwischen verschiedenen Phasen des Tages und verschiedenen Rollen Ihres neuen „Identitäts-Portfolios“. Tragen Sie am Vormittag beispielsweise eine gepflegte, aber bequeme Kleidung für Ihr „Heimbüro“, in dem Sie Ihre Finanzen ordnen oder an Ihren Memoiren schreiben. Wechseln Sie am Nachmittag zu funktionaler Kleidung für die Gartenarbeit oder den Sport und wählen Sie am Abend für den Besuch im Verein oder ein Treffen mit Freunden bewusst „Smart Casual“.
Dieser bewusste Akt des Anziehens ist ein starkes Signal an sich selbst: „Ich habe heute etwas vor. Ich habe eine Rolle. Ich bin aktiv.“ Es ist eine Form des Selbstrespekts und ein Werkzeug, um Struktur in den Tag zu bringen. Ihre Kleidung wird zur Uniform für Ihre neuen Missionen und hilft Ihnen, sich in Ihre neuen Identitäten als Mentor, Vereinsmitglied, Lernender oder Familienmanager hineinzufühlen. Anstatt die alten Machtsymbole (den Anzug) durch ein Symbol der Passivität (die Jogginghose) zu ersetzen, schaffen Sie neue Symbole für ein aktives, selbstbestimmtes Leben.
Ihr Aktionsplan: Die dritte Garderobe entwickeln
- Rollen definieren: Listen Sie Ihre neuen, gewünschten Rollen und Aktivitäten im Ruhestand auf (z.B. „Mentor im lokalen Gewerbeverein“, „Aktiver Grossvater“, „Student an der Seniorenuni“, „Wanderführer“).
- Garderobe inventarisieren: Gehen Sie Ihren Kleiderschrank durch. Welche Stücke passen zu Ihren neuen Rollen? Was repräsentiert die Person, die Sie sein möchten? Was ist nur noch „alte Uniform“ oder passive Freizeitkleidung?
- Bewusste Übergänge schaffen: Planen Sie feste Kleiderwechsel in Ihren Tag ein. Zum Beispiel: Sportkleidung für den Morgen, „Projektkleidung“ für den Vormittag, gesellschaftsfähige Kleidung für den Nachmittag.
- Gezielt investieren: Ersetzen Sie abgetragene Stücke durch wenige, aber hochwertige und vielseitige „Smart Casual“-Teile, in denen Sie sich kompetent und wohl fühlen. Qualität vor Quantität.
- Ritual etablieren: Machen Sie das „Anziehen für den Tag“ zu einem bewussten Akt des Selbstrespekts, so wie Sie es früher für den Beruf getan haben. Es ist ein Startsignal für einen produktiven und sinnerfüllten Tag.
Wie schreiben Sie Ihre Memoiren, um Ihr Lebenswerk zu würdigen?
Der Gedanke, die eigenen Memoiren zu schreiben, wirkt auf viele einschüchternd. Man stellt sich ein dickes, gebundenes Buch vor, ein Projekt für Historiker oder berühmte Persönlichkeiten. Doch im Kern geht es um etwas viel Einfacheres und zugleich Wichtigeres: die aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, die Würdigung des eigenen Weges und die Schaffung eines persönlichen Vermächtnisses. Es ist der Prozess, die losen Fäden Ihrer Erfahrungen – Erfolge wie Misserfolge, Freuden wie Krisen – zu einem kohärenten Teppich zu verweben. Dieser Akt der Reflexion ist unglaublich heilsam und identitätsstiftend. Sie erkennen Muster, verstehen Entscheidungen im Nachhinein und machen Frieden mit Ihrem Lebenslauf. Sie sind nicht mehr nur die Summe Ihrer letzten Berufsjahre, sondern der Autor Ihrer gesamten Lebensgeschichte.
Im digitalen Zeitalter muss dieses Vermächtnis keineswegs ein gedrucktes Buch sein. Moderne Technologien bieten faszinierende Alternativen, die oft lebendiger und zugänglicher für Familie und Nachwelt sind. Anstatt nur zu schreiben, können Sie erzählen. Eine professionell aufgenommene Interview-Serie auf Video, vielleicht in Kooperation mit Studierenden von Schweizer Hochschulen wie der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) oder der ECAL in Lausanne, fängt nicht nur Ihre Worte, sondern auch Ihre Mimik, Ihre Stimme und Ihre Persönlichkeit ein. Ein persönlicher Blog oder eine Website erlaubt es Ihnen, Ihre Geschichte multimedial mit Fotos, Dokumenten und Anekdoten anzureichern und sie kontinuierlich fortzuschreiben.
Für ehemalige Fach- und Führungskräfte bietet sich zudem eine besonders wertvolle Form des Vermächtnisses an: der strukturierte Wissenstransfer. Anstatt einer rein persönlichen Chronologie können Sie Ihre wichtigsten beruflichen Projekte als Fallstudien-Sammlung aufbereiten. Beschreiben Sie die Herausforderung, Ihre Lösungsstrategie und das Ergebnis. Dieses konzentrierte Wissen ist von unschätzbarem Wert für jüngere Generationen in Ihrem Berufsfeld. Indem Sie es Berufsverbänden oder Wirtschaftsarchiven, wie dem Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich, zur Verfügung stellen, schaffen Sie eine Wertschöpfung, die weit über Ihre aktive Karriere hinausreicht. Sie verwandeln persönliche Erfahrung in lehreiches, nachhaltiges Kapital.
Die folgende Übersicht zeigt einige moderne Wege auf, wie Sie Ihr Lebenswerk festhalten können, und wurde inspiriert durch Berichte über innovative Projekte für Rentner.
| Format | Vorteile | Kooperation | Nachhaltigkeit |
|---|---|---|---|
| Persönliche Website/Blog | Kontinuierliche Aktualisierung möglich | Familienmitglieder können beitragen | Digital archivierbar |
| Interview-Serie (Video) | Persönliche Ausstrahlung sichtbar | Studierende der ZHdK/ECAL | Für Generationen konserviert |
| Fallstudien-Sammlung | Wissenstransfer an Berufsverbände | Wirtschaftsarchive (z.B. ETH) | Wissenschaftlicher Wert |
| Digitales Vermächtnis | Multimediale Gestaltung | Professionelle Unterstützung | Langzeitarchivierung |
Falten und graue Haare: Wie lernen Sie, Ihren veränderten Körper zu lieben?
In einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit glorifiziert, ist der Blick in den Spiegel für viele Menschen im Alter eine tägliche Konfrontation. Falten, graue Haare, eine veränderte Statur – der Körper erzählt die Geschichte eines gelebten Lebens, doch oft hören wir nur eine Botschaft des Verfalls. Dieser innere Kampf gegen die Zeichen der Zeit ist nicht nur anstrengend, sondern auch aussichtslos. Die entscheidende Wende liegt nicht in teuren Cremes oder kosmetischen Eingriffen, sondern in einem radikalen Perspektivwechsel: von der Ablehnung zur Annahme, von der Kritik zur Wertschätzung. Es geht darum, die japanische Philosophie des Wabi-Sabi zu verinnerlichen – die Schönheit in der Unvollkommenheit und Vergänglichkeit zu finden.
Ihre Falten sind keine Makel, sie sind die Landkarten Ihrer Erfahrungen. Jede Linie um die Augen erzählt von Lachen, Sorgen und Momenten intensiver Konzentration. Ihr graues Haar ist kein Zeichen des Alterns, sondern eine Krone der Weisheit. Diesen Wandel anzunehmen bedeutet, Frieden mit der Realität zu schliessen. Angesichts einer stetig steigenden Lebenserwartung – das Bundesamt für Statistik meldet für 2024 eine Lebenserwartung von 86,0 Jahren für Frauen und 82,5 Jahren für Männer in der Schweiz – ist diese Friedensschliessung keine Option, sondern eine Notwendigkeit für ein langes, glückliches Leben. Sie werden viele Jahre in diesem Körper verbringen; es ist klüger, ihn zum Freund als zum Feind zu machen.
Wir mussten alt werden, um zu merken, dass man mit weniger glücklicher leben kann.
– Barbara Theus, SRF – Projekte für Rentner im Calancatal
Diese Haltung bedeutet nicht, sich gehen zu lassen. Im Gegenteil. Anstatt Energie in den Kampf gegen das Unveränderliche zu stecken, investieren Sie diese in das, was Sie kontrollieren können: Ihre Vitalität. Pflegen Sie Ihren Körper durch Bewegung, die Ihnen Freude macht – sei es Wandern in den Alpen, Schwimmen im See oder Yoga. Nähren Sie ihn mit gutem Essen. Konzentrieren Sie sich auf das, was Ihr Körper noch kann, anstatt dem nachzutrauern, was er nicht mehr kann. Diese Verschiebung des Fokus von der äusseren Erscheinung zur inneren Funktion und zum Wohlbefinden ist der Schlüssel.

Der Körper ist Ihr treuester Begleiter. Er hat Sie durch alle Höhen und Tiefen Ihres Lebens getragen. Ihn mit Dankbarkeit und Respekt zu behandeln, ist die höchste Form der Selbstliebe. Indem Sie die Spuren der Zeit als Ehrenzeichen betrachten, befreien Sie sich vom Diktat der Jugendlichkeit und finden eine neue, tiefere Form der Attraktivität, die aus Souveränität und innerer Zufriedenheit erwächst.
Der Kampf gegen das Alter: Welche Einstellung führt zu mehr Zufriedenheit?
Die „Anti-Aging“-Industrie verspricht uns, den Alterungsprozess aufhalten oder gar umkehren zu können. Dieser ständige Kampf gegen die Natur ist jedoch nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern auch eine Quelle von Frustration und Unzufriedenheit. Eine wesentlich kraftvollere und befriedigendere Haltung ist der Wechsel von „Anti-Aging“ zu „Pro-Vitalität“. Anstatt Energie darauf zu verwenden, jünger auszusehen, konzentrieren Sie sich darauf, sich lebendiger, engagierter und neugieriger zu fühlen. Es geht darum, die Qualität der verbleibenden Lebensjahre zu maximieren, anstatt vergeblich zu versuchen, ihre Anzahl auf dem Papier zu reduzieren.
Diese Verschiebung der Prioritäten ist nicht nur eine philosophische Idee, sondern hat eine wissenschaftliche Grundlage. Eine berühmte Langzeitstudie der Harvard University hat die sogenannte Glücks-U-Kurve nachgewiesen. Entgegen der Annahme, dass das Glück mit dem Alter abnimmt, zeigt die Forschung, dass die Lebenszufriedenheit nach einem Tiefpunkt in der Lebensmitte wieder ansteigt und im Rentenalter ein hohes Plateau erreicht. Die Forscher führen dies darauf zurück, dass ältere Menschen ihre Prioritäten weg von Karriere und materiellem Erfolg und hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen, persönlichen Interessen und dem Genuss des Moments verlagern. Sie haben gelernt, sich auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt und was sie kontrollieren können: ihre eigene Einstellung und ihre Handlungen.
Eine „Pro-Vitalität“-Einstellung bedeutet, die Schweizer Tugend der Gelassenheit aktiv zu kultivieren. Es ist eine stoische Praxis, zwischen dem zu unterscheiden, was in unserer Macht steht, und dem, was wir akzeptieren müssen. Sie können den Faltenprozess nicht aufhalten, aber Sie können entscheiden, jeden Tag eine Stunde in der Natur zu verbringen. Sie können den Verlust alter beruflicher Kontakte nicht verhindern, aber Sie können aktiv neue Freundschaften in einem Verein oder Kurs aufbauen. Diese Fokussierung auf den eigenen Handlungsspielraum schafft ein Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit, das für das psychische Wohlbefinden entscheidend ist.
Letztlich ist es eine Entscheidung: Wollen Sie Ihre kostbare Energie in einen aussichtslosen Krieg gegen die Zeit investieren oder wollen Sie sie nutzen, um ein Leben voller Sinn, Freude und Lebendigkeit zu gestalten? Die Antwort auf diese Frage bestimmt massgeblich Ihre Zufriedenheit in der zweiten Lebenshälfte. Setzen Sie auf Lebensenergie statt auf Jugendlichkeit, auf Wachstum statt auf Konservierung. Dies ist der Weg zu einem souveränen und erfüllten Altern.
Seniorenuniversität Zürich oder Bern: Lohnt sich das Studium für Senioren noch?
Die Vorstellung, im Ruhestand noch einmal die Universität zu besuchen, mag für manche zunächst absurd klingen. Der Zweck eines Studiums ist doch, sich für eine Karriere zu qualifizieren – und die liegt ja bereits hinter einem. Doch diese Sichtweise verkennt den wahren Wert von Bildung im dritten Lebensabschnitt. An einer Seniorenuniversität geht es nicht mehr um Diplome oder Karrierechancen. Es geht um etwas viel Grundlegenderes: um intellektuelle Wertschöpfung, persönliche Bereicherung und die Erweiterung des eigenen Horizonts. Es ist die ultimative Form der Investition in sich selbst.
Der Besuch von Vorlesungen in Kunstgeschichte, Philosophie, Physik oder Politikwissenschaft hält den Geist fit und fordert die Neuroplastizität heraus. Sie tauchen in komplexe Themen ein, lernen neue Denkweisen kennen und bleiben am Puls der Zeit. Dies ist das perfekte Gegenmittel gegen geistige Trägheit. Anstatt passiv Informationen zu konsumieren, werden Sie wieder zum aktiven Lerner, der kritisch hinterfragt und Zusammenhänge herstellt. Diese intellektuelle Stimulation ist ein entscheidender Faktor für die kognitive Gesundheit und verleiht dem Alltag eine neue Tiefe.
Mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt der Vorlesungen ist der soziale Aspekt. An einer Seniorenuniversität treffen Sie auf Gleichgesinnte – neugierige, weltoffene Menschen, die ebenfalls nach geistiger Nahrung suchen. Wie die Schweizerischen Seniorenuniversitäten betonen, ist „der Austausch mit Gleichgesinnten oft der grösste Gewinn und die stärkste Waffe gegen die Einsamkeit“. Es entstehen neue Freundschaften, die auf gemeinsamen intellektuellen Interessen basieren, nicht auf alten Berufsnetzwerken. Die Schweiz bietet ein breites, niederschwelliges Angebot, das weit über die klassischen Universitäten hinausgeht.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über einige der Möglichkeiten in der Schweiz, wie sie auch in Ratgebern für die Freizeitgestaltung im Alter oft dargestellt werden.
| Institution | Sprache | Schwerpunkt | Zugangsbedingungen | Kosten |
|---|---|---|---|---|
| Seniorenuni Zürich | Deutsch | Breites Fächerspektrum | Keine Matura nötig | Moderat |
| Seniorenuni Bern | Deutsch | Geisteswissenschaften | Offen für alle 60+ | Günstig |
| Uni de Genève | Französisch | Interdisziplinär | Keine Vorbildung nötig | Variabel |
| Università Terza Età Lugano | Italienisch | Kultureller Fokus | Altersoffen | Erschwinglich |
| Volkshochschulen | Regional | Praxisnah | Niederschwellig | Sehr günstig |
Das Wichtigste in Kürze
- Ihre Identität ist keine feste Grösse, die mit dem Beruf verloren geht, sondern ein Portfolio, das Sie im Ruhestand aktiv und bewusst neu gestalten können.
- Ein positiver Bezug zum eigenen Körper, der auf Vitalität statt auf „Anti-Aging“ setzt, ist die Grundlage für langfristiges Wohlbefinden und Lebensfreude.
- Sinn entsteht durch Engagement: Ob durch intellektuelle Neugier an einer Seniorenuniversität oder durch den aktiven Beitrag zur Gemeinschaft – Wertschöpfung ist auch jenseits der Karriere möglich.
Wellness für die Seele: Wie definieren Sie Wohlbefinden jenseits der Blutdruckwerte?
Gesundheit im Alter wird oft auf rein physische Messwerte reduziert: Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker. Diese sind zweifellos wichtig, doch wahres Wohlbefinden – ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit und Sinn – geht weit darüber hinaus. Es ist das, was man als „Wellness für die Seele“ bezeichnen könnte. Der Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor Frankl definierte drei zentrale Säulen, aus denen der Mensch Sinn schöpfen kann: etwas zu schaffen oder eine Tat zu vollbringen, jemanden zu lieben oder etwas zu erfahren und schliesslich die Einstellung, die wir zu unvermeidbarem Leid einnehmen. Der Ruhestand bietet die perfekte Gelegenheit, diese Säulen bewusst zu errichten.
Die erste Säule – eine Tat vollbringen – findet im Ruhestand oft im gesellschaftlichen Engagement ihre schönste Ausprägung. Es geht darum, die eigene Zeit und Lebenserfahrung für andere einzusetzen. Dies muss keine riesige Verpflichtung sein. Der pensionierte Daniel Bechtiger aus Scuol ist ein inspirierendes Beispiel. Mit seiner E-Rikscha holt er Betagte aus den Altersheimen und schenkt ihnen eine Fahrt durch die Bündner Berge, getreu seinem Motto: „Jeder hat das Recht auf Wind im Haar.“ Sein Handeln schafft nicht nur unbezahlbare Freude für andere, sondern verleiht auch seinem eigenen Leben einen tiefen Sinn. Er schafft Wert, der auf keiner Bilanz erscheint, aber die Seele nährt. Es ist daher nicht überraschend, dass fast die Hälfte der 65- bis 74-Jährigen in der Schweiz Freiwilligenarbeit leistet.
Die zweite Säule – jemanden zu lieben oder etwas zu erfahren – bezieht sich auf die Qualität unserer Beziehungen und Erlebnisse. Im Ruhestand haben Sie endlich die Zeit, Beziehungen zu Partner, Kindern, Enkeln und Freunden ohne den Druck des Berufsalltags zu pflegen. Gleichzeitig öffnen sich Räume für neue, transzendente Erfahrungen. Eine Wanderung in den Schweizer Alpen kann mehr sein als nur Sport; sie kann zu einem Moment spiritueller Erhabenheit werden, wenn man die majestätische Natur auf sich wirken lässt. Das bewusste Erleben von Schönheit, sei es in der Kunst, der Musik oder der Natur, ist eine direkte Form von seelischem Wellness.
Die dritte Säule – die Einstellung zum Leid – haben wir bereits im Kontext der Akzeptanz des eigenen Körpers und des Alterungsprozesses berührt. Es ist die Kunst, das Unveränderliche mit Würde anzunehmen und den Fokus auf das zu legen, was gestaltbar bleibt. Indem Sie diese drei Säulen aktiv in Ihr Leben integrieren, bauen Sie ein Fundament für ein Wohlbefinden, das weit über das Fehlen von Krankheit hinausgeht. Sie gestalten ein Leben, das nicht nur lang, sondern auch reich und bedeutungsvoll ist.
Ihr Wert bemisst sich nicht an Ihrer letzten Position, sondern an den Kapiteln, die Sie jetzt schreiben. Beginnen Sie noch heute damit, das Drehbuch für Ihr drittes, reichstes Leben zu entwerfen und Ihre innere Visitenkarte mit Leidenschaft, Weisheit und Engagement zu füllen.
Häufige Fragen zum Verfassen von Memoiren im Ruhestand
Wie verbinde ich meine persönliche Geschichte mit der Schweizer Historie?
Fokussieren Sie auf die sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Schweiz in den letzten 50 Jahren und zeigen Sie, wie diese Ihre Werte und Entscheidungen geprägt haben. Dies schafft eine Verbindung zwischen individueller Biografie und kollektiver Identität.
Welche Schweizer Hochschulen unterstützen bei digitalen Projekten?
Die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und die ECAL in Lausanne bieten Kooperationsmöglichkeiten mit Studierenden für die Gestaltung digitaler Vermächtnisse und professioneller Interview-Serien.
Wie kann ich meinen Wissenstransfer nachhaltig gestalten?
Stellen Sie spezifische berufliche Erfahrungen als Fallstudien Berufsverbänden oder lokalen Wirtschaftsarchiven wie dem Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich zur Verfügung.